Ode an den verlorenen Zwillingsbruder

von Elisabeth Berwart

aus dem französischen von Alfred R. Austermann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer von uns beiden ist tot ?

 

Du bist tot und ich lebe. Wer bin ich ?

 

Kleiner Bruder,

seit 43 Jahren trage ich Dich in mir. Das ist angenehm. Das ist warm. Das ist gut. Das ist stark. Das gibt Sicherheit.

 

Und dennoch ist es so schwer zu tragen. Ich fühl mich doppelt, androgyn, hemaphroditisch. Ich führe ein künstliches Leben, seit sehr langer Zeit. Das ist absurd. Ich weiß es, aber ich kann es nicht loslassen. ich will dich nicht loslassen.


Wenn ich dich loslasse, vielleicht werde ich dir folgen. Nein ich lebe und du bist tot. Und wenn ich dich endlich ziehen lasse, trage ich das Risiko, mich am Ende zu finden. Dieses Risiko möchte ich nicht auf mich nehmen, denn ein Teil von mir glaubt, dass ich mich verlieren werde, mich mit dir zusammen auflöse.

 

Kleiner Bruder, ich kenne deinen Namen nicht. Du bist da. Ich weiß es. Ich fühle es. Du hast mich niemals wirklich verlassen. Aber warum, trotz allem, fühle ich mich so grausam allein ? Ich bin übrig geblieben.

 

Ich weiß, dass nicht etwa du Dich an mich lehnst, ich bin es, die sich an Dich anlehnt, in der wunderbarsten und schmerzhaftesten Absolutheit der Liebe. Und wenn ich zustimme, dass Du wirklich tot bist, stimme ich zu, dass ich wirklich am Leben bin. Warum verweigere ich uns beiden das ?

 

Mein benehmen ist eine Beleidigung an das, was uns verbindet. Und als Zwilling weiß ich, das Du für mich nur das Beste willst, und ich wähle immer das Schlimmste. Das ist eine schlimme Würdigung, die ich Dir zuteil werden lasse.

 

Währenddessen bleibt mir, festzustellen, dass mein Leben sehr stark war. 43 Jahre nach deinem Verschwinden bin ich immer noch da. Ich zahle den Preis, aber ich bin noch da. Nein, ich bin Dir nicht gefolgt. Auch das ist gut.

 

Dieses Bewusstwerden, diese Enthüllung Deiner Gegenwart ist völlig neu für Elisabeth.

 

Auch bitte ich Dich, mir noch etwas Zeit zu lassen. Ich werde lernen, Dein Fortgehen zu betrauern, um endlich mich selbst und für mich selbst und nichts als mich selbst zu leben, als Frau ohne Ambivalenz.

 

Ich habe mich zu oft und zu unrecht mit Deinem Geschlecht identifiziert. Das gehört mir nicht. ich gebe es Dir zurück. Ich bin eine Frau, voll und ganz, auch wenn es mir manchmal sehr schwer fällt, das wirklich zu glauben.

 

Ich bitte Dich von ganzem Herzen im Namen dieser unauflösbaren Bindung, die uns vereint, mir zu helfen. Hilf mir, etwas Gutes aus meinem Leben zu machen. Hilf mir, Dich loszulassen, damit unsere Verbindung endlich im Zeichen der Liebe und nicht mehr im Zeichen des Todes lebt.

 

Ich liebe Dich mehr als alles auf der Welt, aber Deinem Tod zustimmen bedeutet, meinem Leben vollständig zuzustimmen.

 

Dadurch, dass ich mich geweigert habe, die Wirklichkeit anzuschauen, habe ich zwischen uns 43 Jahre schmerzhafter Trennung geschaffen. Heute nehme ich Dich als das, was Du bist, mein toter Zwillingsbruder. Ich sage auch Ja zu dem was ist und verbinde daraus meine Seele mit Deiner Seele in Ewigkeit. Gib mir die Zeit, die Geduld, die Kraft und den Mut.

 

Im Namen der Liebe, die uns verbindet, nehme ich heute mein Leben in die Hände, als erwachsende Frau. Aus Liebe zu Dir und aus Liebe zu mir mache ich daraus etwas Gutes.

 

Ich verspreche es Dir. Du bleibst für immer in der Wärme meines Herzens. mein geliebter Bruder, danke, dass Du Du bist.

 

Danke, dass Du mich begleitet hast für die Zeit, die wir miteinander teilen durften. Ich achte Dich und dein Schicksal, und ich gebe Dir das zurück.

 

Du bist tot, und ich lebe noch ein bisschen, und dann komme ich auch.

 

Du fehlst mir so sehr, aber hinter meinen Tränen verbirgt sich das schönste Lächeln und ich erlaube mir ab heute, in Deiner Abwesenheit keinen Mangel mehr zu sehen, sondern eine Stärke.

 

Ich liebe Dich.

 

Elisabeth, Januar 2001

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Aus dem Buch : "Das Drama im Mutterleib"

von Alfred R. Austermann und Bettina Austermann

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             aktualisiert am 21.11.2017